Wenn die Motivation im Keller ist, dann hilft…

Ein Designprozess verläuft nie geradlinig. Während ihrer Semesterarbeiten erkennen die Studierenden der Schule für Gestaltung St.Gallen, dass der Prozess, den man durchläuft, genauso wichtig ist wie das eigentliche Ziel selbst. Der Weg ist das Ziel, mit all seinen Tiefen und Höhen. Perfekt illustrierte das Andreia Miranda Frasco, HF-Studentin Visuelle Gestaltung.
Der Workshop «Kreative Recherche» im Rahmen ihres berufsbegleitenden Studiums half Andreia Miranda Frasco, um erste Ideen zu entwickeln. «Ich habe viele Informationen zusammengetragen und dadurch ein breites Spektrum meiner zugeteilten Emotion «needy» bekommen», erklärt sie. Die Projektarbeit im ersten Semester der Visuellen Gestaltung HF sieht vor, eine Welt für einen Duft zu gestalten. Der Duft soll menschliche Emotionen wie Angst, Melancholie oder eben bedürftig («needy») kommunizieren.
Voller Tatendrang startete Andreia mit ihrem Vorhaben. Sie wollte mit Stoffen arbeiten. Ihr schwebte vor, ein flauschiges Duftkissen zu entwerfen. Sie erklärt: «Ein Mensch, der nach Trost und Akzeptanz sucht, zieht sich an einen sicheren Ort zurück. Im Bett rollt man sich zwischen Decken und einem Kissen zusammen und fühlt sich geborgen.»

Nach der Recherche stand für Andreia fest: «Needy ist für mich ein leeres Gefühl. Man will immer mehr Zuneigung und Liebe.» Wenn dieses Bedürfnis nicht von den Mitmenschen gestillt wird, dann sollte ein Kissen aushelfen. Sie habe ein Kissen gestalten wollen, dass man umarmen könne, erklärt Andreia. Das Problem: Ein Kissen ist ausserhalb der eigenen Wohnung eher nicht als Begleitung geeignet. Deshalb vertiefte Andreia den Gedanken, einen flauschigen Pullover zu entwerfen: «Da ein Kissen unbequem zu transportieren wäre, dachte ich an einen XXL-Pullover voller duftender Füllung, damit die Person, die ihn trägt, sich erfüllt fühlen kann.» Personen, die Unterstützung, Hilfe oder Fürsorge benötigen, sollten sich gut aufgehoben fühlen.
Im HF-Studium lernen die Studierenden, wie sie durch Ideen und Konzepte Interessen wecken können. Wie sie positiv überraschen und bewirken, dass Menschen eine Marke oder ein Thema mit anderen Augen sehen. Dabei wird aufs Detail geachtet. Am Beispiel von Andreia dauerte die Suche nach dem passenden Stoff an. Sie sagt: «Ich habe immer weitergearbeitet, obwohl mich kein Stoff so richtig überzeugte.»

Andreia verfolgte ihre Pullover-Idee weiter und lenkte den Fokus aufs Logo und die Namensfindung. «Meine erste Intuition war, mein Produkt auf Desire, also Wunsch, zu taufen. Dieser Name war mir aber zu herkömmlich und deshalb zu langweilig», so Andreia.
Und wie wollte sie das Parfüm präsentieren? Nachdem sie sich Bilder angesehen hatte, die das Ersticken darstellten, wollte sie daraus eine Skulptur machen. Diese sollte das Parfüm präsentieren: «Ich stellte mir einen halben Kopf vor, weil man sich nie vollständig fühlt, wenn man bedürftig ist.»
Dieser halbe Kopf schaut nach oben, streckt die Zunge heraus und hat die Hände um den Hals gelegt. «Als ob er verzweifelt nach etwas sucht. Das Parfüm wäre der wertvollste Besitz, es würde die Komplimente und die Liebe darstellen, die man erhält.»
Den Kopf wollte Andreia mittels Ton und Gips darstellen – etwas zum Anfassen, zum Greifen. «Aber es hat einfach nicht gepasst. Das Ergebnis habe ich mir anders vorgestellt», sagt Andreia. Also warf sie ihr Konzept drei Wochen vor dem Abgabetermin der Semesterarbeit über den Haufen.

Wenige Wochen vor dem Abgabetermin war Andreias Motivation am Tiefpunkt angelangt. Sie durchlebte ein Auf und Ab wie es alle Kreativschaffenden erleben.
Mit der richtigen Herangehensweise und Unterstützung kann die Motivation wiederbelebt werden. Dies kann durch Pausen, einer neuen Inspirationssuche oder Rückmeldungen erreicht werden. Andreia halfen die visuellen Darstellungen ihrer Ideen: «Die Mockups haben mich immer wieder gepusht. Es hat mir sehr geholfen, das Ziel vor Augen zu visualisieren. Ich gab mir eine Richtung vor.»
Bei der Namensgebung erstellte sie eine Liste mit Wörtern aus der griechischen Mythologie. Anschliessend bediente sie sich auch der lateinischen Sprache und entschied sich letztlich für ihre Mutterspruche. Das portugiesische Wort «oco» heisst ins Deutsche übersetzt «hohl». Leerer kann sich eine bedürftige Person nicht fühlen. «Aufgrund der Mockups entschied ich mich für die Farben Schwarz und Weiss. Schwarz unterstreicht die negative Energie dieser Emotion und Weiss den Hohlraum», erklärt Andreia.
Als sie den Namen und das Logo vor sich hatte, wusste sie: «Das ist es. Jetzt kannst du loslegen!» Jetzt ging es an die Umsetzung. Andreia gab ihrer Botschaft ein Gesicht, machte sie visuell fassbar. So verwendet sie eine Pipette als Behälter für ihr Parfüm. Dabei denkt sie nicht nur an die Funktionalität. Die Pipette dient einem tieferen Zweck, wie Andreia erklärt: «Die zarte Handhabung der Pipette erfordert eine behutsame Dosierung, was den Akt des Parfümauftragens zu einem sinnlichen Ritual macht.»

